Die Geschichte und Bedeutung von Pranayama im Yoga
Wie Prāṇāyāma wurde, was es ist und warum es sich weiter verändern wird
Ein Yogi bei der Wechselatmung
(Bild: Wellcome Collection)
Die Ursprünge von Pranayama
Wir alle atmen ständig, unaufhörlich und meistens unbewusst. Das ist auch gut so, denn das Atmen gehört zum Leben und wir brauchen es wie der Fisch das sprichwörtliche Wasser. Es ist ein natürliches Geschenk. Menschliches Atmen reicht vom reinen „Überlebensatem“ bis hin zu einem verfeinerten Bewusstsein für das Atemgeschehen und einem gewissen Grad an Kontrolle darüber. Kurz gesagt, wir können uns mit „Überlebensatmung“ begnügen, doch ist das nicht der Weg des Yogi. Es gibt in den indischen Traditionen seit langer Zeit ein Gewahrsein dafür, warum die Kultivierung dieser lebenswichtigen Funktion wichtig ist.
Erwähnungen zur Rolle des Atems finden wir bereits in der Puruṣa Hymne des Ṛgveda sowie im Atharvaveda (beides ca. 1500–1000 vor unserer Zeitrechnung). Wahrscheinlich gehen die ersten Formen der Atemkontrolle auf das Rezitieren von Mantras zurück und die Notwendigkeit, den Atem hier gut zu portionieren.¹
Die Rolle von prāṇa, das – je nach Überlieferung und je nach Texttradition – oft im Herzen angesiedelt ist, wurde schon früh mit zentralen nāḍīs in Verbindung gebracht. In einem frühen nāḍī-System gibt es einen Pfad, der vom Herzen bis zum höchsten Punkt des Scheitels geht, und entlang dieses Pfades ist prāṇa aktiv und steigt im Schlafen auf. Die sehr frühen und rudimentären Versionen von Praktiken, die prāṇa involvieren, bedürfen sorgfältiger Untersuchung – die erschlossenen Quellen dazu sind derzeit noch sehr mager. Wichtig ist, dass es in vedischer Zeit die Terminologie des prāṇāyāma – also Atemkontrolle im engeren Sinn – noch nicht gab. Konkreter wird es schon, wenn wir prāṇāyāma als viertes Glied des achtfachen Pfades von Patañjali’s Yoga betrachten, das dort einen wichtigen Stellenwert einnimmt.
Pranayama bei Patanjali
Patañjali beschreibt vier Arten der Atemkontrolle (prāṇāyāma) im Yogasūtra 2.49–53 (ca. 350 unserer Zeitrechnung). Der zugehörige Kommentar (Yogabhāṣya) erwähnt diese vier Formen des prāṇāyāma und erläutert sie etwas genauer. Die Yoga-Forschung hat noch nicht eindeutig geklärt, wie diese Formen genau praktiziert wurden. Eine mögliche Interpretation ist, dass die ersten beiden Formen die natürliche Atempause nach Einatmung und Ausatmung bedeuten (bzw. das Verfeinern der Ein- und Ausatmung),² während die dritte Form eine absichtliche Unterbrechung des Atems ist (stambhavṛtti). Diese Praktiken machen den Atem in jedem Fall „lang und fein“ (dīrgha-sūkṣma). Die vierte Art war wahrscheinlich eine Art des Atemanhaltens, die durch die Vorbereitung der ersten drei Formen spontan geschieht und die oft mit dem späteren kevalakumbhaka gleichgesetzt wird. Auch Autoren im indischen Mittelalter, die das Yogasūtra kommentierten, hatten diese Begriffe gleichgesetzt, darunter zum Beispiel Vidyāraṇya in der Jīvanmuktiviveka (14. Jahrhundert) und Śivānanda in der Yogacintāmaṇi (17. Jahrhundert).³ In jedem Fall beschriebt Patañjali prāṇāyāma als die „beste asketische Praxis“ (tapas),⁴ die außerdem dazu dient, den „Vorhang“ vor dem Licht (prakāśāvaraṇa; hier ist wohl ein geistiges Licht gemeint) zu entfernen, und somit bereit zu werden für die meditative Praxis des dhāraṇā. Somit ist prāṇāyāma eingebettet in den achtfachen Pfad und bildet ein Bindeglied zwischen den „äußeren“ fünf Gliedern und den fortgeschrittenen „inneren“ dreien, die meditative Praktiken sind.
Pranayama im Hathayoga
Im Haṭhayoga erfährt prāṇāyāma große Wichtigkeit und wird oft sogar als die Praxis beschrieben, die es zu meistern gilt. Prāṇāyāma kann den Yogi auch direkt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreien (mokṣa), wie zum Beispiel in der Gorakṣaśataka 8–10 aus dem 13. Jahrhundert beschrieben.
Auch bei Svātmarāma, dem Autor der Haṭhapradīpikā (15. Jahrhundert) wird prāṇāyāma als nötige Vorbereitung für Rājayoga angesehen; das Meistern von prāṇāyāma, wofür das spontane kumbhaka ein Zeichen ist (kevalakumbhaka) ist eine wichtige Voraussetzung für samādhi.⁵ Zuerst werden Übungen zur Reinigung der nāḍīs durch Wechselatmung (nāḍīśodhana), kapālabhāti und andere Techniken praktiziert. Erst wenn die nāḍīs rein werden, wird das Atemanhalten leicht. Die Haṭhapradīpikā beschreibt acht Formen des prāṇāyāma. Diese werden mit verschiedenen Techniken den Atem anzuhalten (kumbhaka) gleichgesetzt. Das bedeutet, dass Praktiken, die den Atem involvieren wie nāḍīśodhana und kapālabhāti eigentlich keine prāṇāyāma-Techniken sind (wobei sich diese Sichtweise im modernen Yoga verändert hat).⁶
Die acht kumbhakas (auch sahitakumbhakas)⁷ werden durch ihre unterschiedliche Weise Ein- und Auszuatmen definiert – das Anhalten des Atems selbst, also der zentrale Teil der Praxis – ist im Prinzip immer gleich, aber variiert natürlich in seiner Länge. Im Haṭhayoga wird wird meist empfohlen, dies mit den drei bandhas zu praktizieren (mūlabandha, uḍḍiyānabandha und jālandharabandha; Gorakṣaśataka 67a). In der Haṭhapradīpikā werden gesundheitsfördernde Aspekte der acht kumbhakas beschrieben. Prāṇāyāma wurde auch zur Beruhigung des Geistes praktiziert und es verbindet somit die physischen mit den meditativen Praktiken des Yoga.
Ein Überblick über die acht kumbhakas ⁸
Sūryabhedana („solar“)
Einatmen durch das solare bzw. rechte Nasenloch, Atem anhalten und dann durch das lunare bzw. linke Nasenloch ausatmen.
Ujjāyī ( „siegreich“)
Durch beide Nasenlöcher einatmen und dabei ein raues Geräusch mit Gaumen und Kehldeckel erzeugen, Atem anhalten und dann durch das linke Nasenloch ausatmen.
Śītalī („kühlend“)
Durch die gerollte Zunge einatmen und durch beide Nasenlöcher ausatmen.
Bhastrikā („Blasebalg“)
Mehrfach schnell durch beide Nasenlöcher ein- und ausatmen, bevor man langsam durch das rechte Nasenloch einatmet, den Atem anhält und durch das linke Nasenloch ausatmet.
Sītkārī („pfeifend“)
Beim Einatmen durch den Mund ein pfeifendes Geräusch erzeugen. Durch die Nasenlöcher ausatmen.
Bhrāmarī („summend“)
Beim Ein- und Ausatmen ein summendes Geräusch erzeugen; dies führt zu Glückseligkeit.
Mūrcchā („ohnmächtig“)
Am Ende der Einatmung den Kinnverschluss (jālandharabandha) anwenden und dann langsam ausatmen, bis man sich dem Punkt der Ohnmacht nähert.
Plavinī („schwimmend“)
Den Bauch mit Luft füllen, um auf dem Wasser treiben zu können.
Prāṇāyāma erlangt im Haṭhayoga herausragende Bedeutung, und wird manchmal sogar als die Technik schlechthin betrachtet. Wir wissen, dass der Fokus im modernen Yoga – zumindest in der globalen Entwicklung – sich auf āsana-Praxis verlagert. Prāṇāyāma lebt dennoch weiter, jedoch oft in abgewandelter Form.
Pranayama in der Moderne
Vielleicht liegt es nach den kurzen Beschreibungen der acht kumbhakas auf der Hand, dass einige prāṇāyāma-Techniken heute nicht mehr praktiziert werden – sich dem „Punkt der Ohnmacht anzunähern“ ist in der heutigen Praxis meist nicht mehr wünschenswert. In der Moderne haben von den acht kumbhkakas vor allem folgende Kontinuität: Sūryabhedana, Ujjāyī (nun zumeist mit āsana kombiniert), Śītalī, Sītkārī, und Bhastrikā. B.K.S. Iyengar meinte auch, dass „Murccha und Plavini heutzutage einigermaßen aus der Mode gekommen sind“ (Zitat).
Beschreibungen zum Anhalten des Atems werden seltener (insbesondere gibt es kaum Erwähnung von kevalakumbhaka), während begleitende Praktiken wie die Atembeobachtung und rhythmisches Atmen inklusive verschiedener Formen die Atemphasen zu zählen an Wichtigkeit zugenommen haben. Besondere Aufmerksamkeit erhalten nun Reinigungstechniken wie nāḍīṣodhana (auch anulomaviloma genannt) – wohl insbesondere durch den Einfluss von Swami Vivekananda, Swami Sivananda und B.K.S. Iyengar – und kapālabhāti, sowie die „yogische Vollatmung“. Die Vollatmung (engl. „full breath“ oder „complete breath“) wurde von dem amerikanischen Okkultisten und Lebensreformer William Walker Atkinson, der unter dem Pseudonym Yogi Ramacharaka schrieb, 1904 ins moderne Yoga eingeführt.
Die enge Verbindung von fließenden und statischen Körperhaltungen mit bewusster, gelenkter Atmung ist eine weitere Besonderheit des modernen Yoga, wobei es dies auch in manchen vormodernen Praktiken gab.⁹ Letzteres wird oft gemeinhin als „prāṇāyāma“ verstanden – bewusste und koordinierte Atemführung unter Beachtung der Atemphasen zu einer bestimmten Abfolge von āsanas. Im frühen modernen Yoga wurde die Verbindung von āsana und prāṇāyāma am stärksten von Sri Yogendra propagiert (und deswegen zeitweise auch „Yogendra prāṇāyāma“ genannt). Prāṇāyāma bzw. verschiedene Arten der Atemlenkung werden nun auch oft im Liegen (śavāsana) praktiziert (etwa bei Swami Kuvalayananda und B.K.S. Iyengar) und prāṇāyāma wird somit auch Teil der yogischen Entspannungskultur.
Fazit
Wir können also beobachten, dass der Kanon des prāṇāyāma insgesamt viel weiter wird und sich die Bedeutsamkeit von bestimmten Techniken verschiebt: Techniken wie nāḍīśodhana werden als absolut zentral wahrgenommen und viele Praktiken aus der modernen – und auch zeitgenössischen Körperkultur – finden Eingang. Prāṇāyāma verbindet sich zunehmend mit āsanas und āsana-Flows.
Zeitgenössisch gibt es außerdem viele Überschneidungspunkte zur sogenannten Breathwork, die ihre Wurzeln im Holotropen Atmen nach Stanislav und Christina Grof und dem „Rebirthing“ nach Leonard Orr hat.
Zugleich gibt es in der Yoga-Szene ein wachsendes Interesse an dem Yoga inhärenten prāṇāyāma-Techniken und das Vakuum an Aufmerksamkeit dieser zentralen Praxis gegenüber wird nach und nach gefüllt. Damit steigt auch das Interesse, ursprüngliche Formen des prāṇāyāma kennenzulernen und diese sinnvoll in die eigene Praxis und Unterricht einfließen zu lassen.
Dennoch zeigt ein Querschnitt durch die zeitgenössischen Praxisformen, dass prāṇāyāma kein in sich abgeschlossener Kanon an Praxisformen ist – vielmehr sind die Ränder dieses Kanons (zu dessen Kernpraktiken zum Beispiel die acht kumbhakas gehören) ausgefranst und ziemlich variabel. Somit fordert prāṇāyāma individuelle Auseinandersetzung und Entscheidungen, wo der eigene Übungsweg entlang geht. Dies ist eine lohnende Aufgabe, die immer auch impliziert zu erkunden und erspüren, wohin sich das eigene Atemgeschehen entfalten und entwickeln möchte.
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ENDNOTEN
¹ Zum Beispiel gibt die Jaiminīya Brāhmaṇa (ca. 1000 vor unserer Zeitrechnung) vor, man solle während der Rezitation des Gāyatrī Mantra nicht atmen (Mallinson & Singleton 2017: 128).
² Diese Sichtweise wird von einem modernen Interpreten des Yogasūtra, P.V. Karambelkar (assoziiert mit dem Kaivalyadhama Yoga Institute) in einem Text von 1986 vertreten.
³ Birch & Hargreaves 2020; Mallinson & Singleton 2017: 178.
⁴ Wahrscheinlich auch in Referenz zur Manusmṛti 2.83a.
⁵ Birch & Hargreaves 2015: 18.
⁶ Die Haṭhapradīpikā definiert die Wechselatmung als eine die acht kumbhakas vorbereitende Reinigungstechnik. Im Śāradātilakatantra aus dem zwölften Jahrhundert wird die Wechselatmung im Rhythmus 1-4-2 jedoch mit prāṇāyāma gleichgesetzt (Birch & Hargreaves 2020). Kapālabhāti gehört hingegen immer zu den ṣatkarmas (sechs Reinigungstechniken) und wird vormodern nie als prāṇāyāma bezeichnet.
⁷ So genannt, weil bei ihnen kumbhaka durch Ein- und Ausatem „begleitet“ (sahita) ist.
⁸ Zitiert nach Mallinson 2011: 707 (Übersetzung: M. Kraler).
⁹ Jedoch eher als Ausnahme, denn als Regel. Zum Beispiel aghorāsana in der Jogapradīpyakā 205–209 (Birch & Hargreaves 2020).
LITERATUR
Birch, Jason & Jacqueline Hargreaves (2015), „Yoganidrā: An Understanding of the History and Context”, http://theluminescent.blogspot.co.uk/2015/01/yoganidra.html (Zugriff April 3, 2025).
Birch, Jason & Jacqueline Hargreaves (2020), “The Yogic Breath: Prāṇāyāma in Medieval Yoga (The Luminescent’s Online Course)”.
Karambelkar, P. V. (1986): „Patanjala Yoga Sutras: Sanskrit Sutra with Transliteration, Translation & Comment”, Yoga Mimansa 24 (4), 257–296, p. 280, 283.
Kraler, Magdalena (2025): Yoga Breath: Prāṇa and Prāṇāyāma in Early Modern Yoga. Göttingen: V&R unipress.
Mallinson, James (2011): „Haṭha Yoga”, in Knuth A. Jacobsen et al., eds., Brill’s Encyclopedia of Hinduism. Vol. III, Leiden and Boston: Brill, 770–781.
Mallinson, James & Mark Singleton (2017), Roots of Yoga, London: Penguin Books.